Die Geschichte der Papierherstellung in der Toskana reicht weit zurück: Bereits seit 1481 wird im Raum Pescia Papier erzeugt. Lange Zeit entstanden in dem engen Tal bei Calamari sogar die Bögen für die italienischen Lire-Geldscheine. Heute sind zwischen Pescia und Villa Basilica nur noch einige wenige kleine Papierfabriken aktiv, doch wer die Strasse von Collodi nach Villa Basilica entlangfährt, entdeckt an den alten Gebäuden die Spuren dieser lebendigen Industriegeschichte: historische Gemäuer, an die im Laufe der Zeit moderne Anlagen angebaut wurden.
Das Tal der Papiermacher
In den letzten Jahren ist das Interesse an diesem Industrieerbe wieder gewachsen. Entlang der kleinen Flüsse, die für die Papierproduktion einst unverzichtbar waren und es zum Teil noch heute sind, führen Wanderwege durch eine stille, von Geschichte durchdrungene Landschaft. Einige der restaurierten Anlagen zeigen noch deutlich ihre ursprüngliche Funktion: Im oberen Stockwerk, das durch verstellbare Fensterläden gut belüftet werden konnte, wurde das frisch geschöpfte Papier zum Trocknen aufgehängt. Entscheidend dabei war der trockene Wind aus den Bergen. Der feuchtere Seewind aus dem Tal eignete sich dagegen kaum zum gleichmässigen Trocknen der empfindlichen Bögen.
Die Familie Magnani und das Museum
Über mehrere Jahrhunderte spielte die Familie Magnani eine zentrale Rolle in der Pesciatiner Papierwelt. 1860 erwarb sie das Fabrikgebäude, das die Familie Ansaldi bereits 1712 errichtet hatte, und das heute als Papiermuseum Pescia besichtigt werden kann. Das Gebäude erzählt auf drei Etagen die Geschichte einer ganzen Arbeiterwelt: Im Erdgeschoss wurde Papier hergestellt. Im ersten Stock befand sich der Wohnbereich der Arbeiterfamilien, ein langer Flur mit je einem Schlafraum und einer Küche pro Familie. Nur der Fabrikleiter, der sogenannte Ministro, hatte am Ende des Flures zwei Zimmer und eine eigene Küche zur Verfügung. Das oberste Stockwerk war schliesslich ganz der Papiertrocknung gewidmet. Bis 1992 wurde hier noch produziert. Heute ist das Erdgeschoss für Besucher geöffnet.
Wasserzeichen als Zeugen der Qualität
Im Archiv des Museums sind bemerkenswerte Bestände inventarisiert: 164 Wasserzeichenwachsstempel, 484 Wasserzeichen-Papierformen, darunter besonders wertvolle Exemplare aus dem Jahr 1812 mit den Bildnissen Napoleons und Marie Louises von Österreich, sowie 284 Stempel und 392 Wasserzeichenbögen. Diese Sammlung zeugt von einer Produktion höchster handwerklicher Güte. Ein Teil der Bestände ist im Online-Katalog des Museums zugänglich, die Erfassung und Dokumentation des Kulturerbes ist noch im Gange.
Erleben und Entdecken
Das Papiermuseum Pescia bietet auch einen rund dreistündigen Kurs zur traditionellen Papierherstellung an: Man schöpft eigenes Papier und gestaltet mit Kupferdraht ein persönliches Wasserzeichen. Wer die Geschichte lieber erwandern möchte, findet das Museum als Partner erfahrener Wanderführer, die die alten Industrieanlagen entlang der Bäche in ihre Routen einbinden. Ein Ausflugsziel in Pescia, das Kulturinteressierte, Familien und Naturliebhaber gleichermassen anspricht. Weitere Informationen auf Englisch und Italienisch: museodellacarta.org
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